
| Königswinter Kunsttage 2008 - Einführung |
![]() German American Artists Christina zu Mecklenburg Während in Königswinter und Umland Lampenfieberhitzewellen hinsichtlich der anrollenden Erfolgsserie „Kunsttage Königswinter“ aufwallen, Auserkoren ist bereits jene Werkelite, die auf dem privat gebuchten Fernflug entweder als Handgepäck rangiert oder aber, wie im Falle der stolzen Ölformate von Silke Henkel-Wallace als gesondertes Frachtgut auf Tournee geht. ![]() Erst bei der Vertiefung in alte Fotografien, erst beim sorgsamen Vernieten ihrer Mosaiksteine, greift eine, streckenweise affektgeladene, gar nicht unmittelbar bewußte Auslotung Berliner Kindheit: versenkte Fluchtdramen, latente Kriegstraumata, Ahnungen von Existenzangst schwellen etwa auf in flammenden Infernos und bleiernen Hinterhalten. In den hypersinnlichen Papierwerken von Inge Infante, die im übrigen Kunst, Design, Mathematik, Grafik und Fotografie studierte, werden wir konfrontiert mit tiefschürfenden Ausgrabungen. In investigativer Manier durchforstet die Künstlerin ihren reichhaltigen Dokumentenschatz und vermengt diesen mit Plakatfetzen und anderen Alltagsrelikten (Rechnungen, Tickets) zu einem kompositorischen Meltingpot. Es ist das Verrinnen der Zeiten, der Klimawechsel von Stimmungen, das Durchwandern von (Lebensräumen) Räumen, eine facettierte Psychologie des Alltags, deren lapidare Blitzlichter die Komponistin und Spurenfahnderin, fast wie in einem impressionistischem Film komprimiert. Wie eine künstlerische Streetwalkerin bündelt Inge Infante, im en passant der Zeiten und Räume das Sukzessive, das Simultane in zufällig erscheinenden Gesten. Humorvoll, strotzend vor Esprit sind Inge Infantes lädierte Jeanskollektionen, kleine Souvenirs, die Sie im Angedenken an die passionierten Germanamericanartists mit nach hause nehmen könnten. Bekanntlich sind ja Jeans ein Signal für globale Vernetzung. ![]() Bleiben wir in diesem Saal und werfen einen Blick auf Infantes Dialogpartner: "Leitwolf" Werner Glinka stammt aus Gelsenkirchen, hat über den akademisch erlernten und praktizierten Beruf des Elektroingenieur in Santa Cruz Mountains zur Kunst, genauer zu seiner individualistischen Interpretation von „Assemblage“ (meist provokative Allianz verschiedener Gegenstände, wie Fundstücke, Abfälle, Reliefcharakter) gefunden. Was der Künstler zu spannenden Synthesen zusammengeschmiedet, sind zuweilen kontroverse Materialien sowie dialektische Strukturen. In den von formalästhetischer Präzisionsarbeit gekennzeichneten Wandobjekten prallen zarte Kupferbeschichtungen auf raffiniert präparierte Eisenbruchteile, die wiederum durchsetzt sind von Sand und von blinkenden Schrauben. Vom Rohmaterialeinsatz her, blitzt hier möglicherweise die biografische Vorgeschichte des Künstlers auf. Vielleicht erinnert Sie der Formenkanon an eher technische, industrielle Bereiche. Neben geometrisierten Industriereminiszenzen begegnet uns hier als zentrales Motiv die mit Sand und Asche benetzte Kreuzform. In Werner Glinkas minimalistisch konzentrierten Entwürfen dominieren Chiffren und Metaphern, die Sie gleichsam als „framework“ (Kunst entsteht bekanntlich im Dialog mit dem Kunstwerk) persönlich entschlüsseln mögen. Ein grauschwarzchangierendes Kreuz etwa bewegt sich auf einem matt schimmernden Hintergrund, es zieht seine Bahn über die Objektperipherie hinaus. So manch amerikanischer Ausstellungsmacher und Sammler von Glinkas Werken hat in diesen strukturenreichen Hintergrundräumen eine zarte, japanisch angehauchte Landschaft entdeckt. In Wirklichkeit entsteht beim intensiven Bearbeiten von Kupferplatten ein unkontrollierbares Chaos zufälliger, sporadischer Strukturen. Diese Anarchie bildet den Gegenpol zu jener Ordnung, die durch einen straffen, asketischen Symbolkosmos auf den Plan tritt. Das Filigrane dieser fiktiven Landschaften oder zerklüfteten Hintergrunde, eckt an teils sakral oder ornamental, konstruktivistisch anmutende Formenspiele an, die den Eindruck von Robustheit, gleich Dauer, gleich Ewigkeit, gleich Unendlichkeit vermitteln. Ferner lotet der Künstler in dieser aktuellen Serie Möglichkeiten des Kipp- oder Vexierbildes aus; das modifizierte Wechselspiel von Figur und Fläche, Raum basiert auf verschlagenen Positiv Negativ Konstruktionen. ![]() Die hier präsente Schlichtheit und Komplexität ergibt sporadische Berührungspunkte mit den Bronzeskulpturen der 1969 in Detmold geborenen, weiland Münsteraner Studentin Natasha Jülicher. Die alsdann an der Academy of Arts von San Francisco examinierte Künstlerin wird wohl noch öfter die Parallelisierung mit Alberto Giacomettis spindeldürrem Figurenuniversum über sich ergehen lassen müssen. Hier wie dort geht es um visionäre Gestalten, um Korrelationen zwischen Menschenexistenz und Raum schlechthin. So treffen wir hier detailliert modellierte Solisten an, deren gereckte oder gedehnte Körper einerseits Erhabenheit, Distanz, Souveränität und auf der anderen Seite Fragilität, Sensibilität verraten. Was die Bildhauerin zum Leben erweckt, sind immer wieder kehrende Konstellationen des Lebens, existentielle Schnittstellen, spirituelle Augenblicke, Seelenzustände und vor allen Dingen, die in Zwitterwesen verdichteten mythologischen Neudeutungen. Zu den geradezu genesisnahen Ursprüngen scheint auch die von der Modefotografie kommende Susanne Kaspar zurückzukehren. Seit fast vierzig Jahren lebt die in Schlesien geborene Künstlerin in den Vereinigten Staaten. Im Ausstellungsraum links neben dem Eingang können Sie quasi auf paradiesischen Pfaden lustwandeln. Ihre Blicke tauchen dem Anschein nach ein in Zeiten, wo zwischen Natur und Mensch eine ungetrübte Eintracht vorherrschte. ![]() Die authentische, archaische Symbiose spiegelt sich wieder in unbekleideten, mit Sand bedeckten Körpern, die man auf den ersten Blick kaum herausfiltern kann aus den sich umgebenden, wilden, urwüchsigen Naturen. Scheinbare Anklänge an ritualisierte, mystische Prozesse oder an naturhaften Hochfesten, Naturapotheosen finden sich auch in einer nächtlichen Standszene. Gleichwohl wir haben es mit grandiosen Freilichtaufnahmen zu tun, die binnen von Performances einer Multi Media Show entstanden sind. Gleichermaßen in weiteren Farbfotos wird eine Künstlerin transparent, die einen ausgeprägten Sinn für stille, lyrische, vornehmlich sinnlich bestimmte Dramaturgien hegt. Die Zeit scheint still zu stehen in faszinierenden Schwarzweißaufnahmen die sich dem moduliert projizierten Mythos Mutter und Kind widmen. Insgesamt sind es ungeschönte, unmanipulierte Bildersuiten, Zufalls- oder Volltreffer, Schnappschüsse, die im Experimentieratelier zustande gekommen sind, nachdem sich das Modell eine Weile einem lockeren Vorspiel frönt. Verharren wir gleich in diesem vorderen Raumdistrikt, so stoßen wir auf die feinnervigen Arbeiten von Diplomatenehefrau Ines Tancre, die wohl durch ihren unaufhörlichen, internationalen Wechsel von Lebensschauplätzen, die Bilderbuchkosmopolitin der Gruppe verkörpert. Viele von Ihnen haben möglicherweise bei den letzten Kunsttagen ihre fesselnde Ausstellung (wortspielgeschwängertes Motto: „Surface“) im Haus Bachem besichtigt. Damals im Knotenpunkt der Auseinandersetzungen standen Themen wie Verhüllung, Camouflage, Fassade und diskrete Enttarnung oder Nähe und Distanz, Vergangenheit und Gegenwart. Im Raum stand gleichermaßen eine Hinterfragung: inwiefern ist das Instrument Fotografie überhaupt in der Lage, Wirklichkeit in ihrem komplexen Umfang abzubilden, zu vermitteln. Auch im verflossenen Jahr frappierte die promovierte Künstlerin durch patentverdächtige Materialexperimente, deren Basis vergilbte Fotografien oder schüttere Filmhäute bildeten. Trotz ihres neuerlichen Abschieds aus Kalifornien und Übersiedelungsstrapazen kredenzt uns die Wahlwienerin eine Reihe bestechender Neuerscheinungen. Eine außergewöhnliche Pendantlösung aus einerseits Wandobjekt, Relief, Draperie und andererseits eine Art von Schaukastenbühne erweckt unsere Neugierde. Virtuelle Kleider, als Metaphern für aufschlußreiche, mit elastischer Sinngebung behaftete Verkleidungsmanöver, Maskierungs- und Verschleierungsstrategien spielen in jüngster Zeit im Oeuvre der Linguistin und Philosophin eine führende Rolle. Wie „Hautschleier“ oder eine dahin huschende Gestalt mutet ein verblichenes Textilensemble an, das sich von seiner Genese her dank malträtiertem Filmmaterial und alchemistischer Tinkturen zu einem homogenen Gewirk zusammenfügt. Pate steht ein mit Gel und anderen Emulsionen behandelter, enthäuteter, geschälter, sezierter Negativfilm, mit dem die Künstlerin einst Szenen aus ihrer kalifornischen Schlußära belichtete. Das hiermit korrespondierende Bildobjekt spielt eine schattenhafte Assoziation, eine brisante Querverbindung oder ein hintergründiges Deja vue Erlebnis ein. Wir gewahren eine mutmaßliche Bergidylle, wo befremdlicherweise eine Liegestatt angesiedelt ist. Das aus Afghanistan stammende Erinnerungsfoto strahlt bedrohliches Ambiente aus, es ist das blutbefleckte Bettpostament einer militärischen Nachtwache. Das vertrackte Komplott zwischen textiler Hülle und „Seitenblick“ und so mach philosophischem Aphorismus setzt sich fort in Roben, die aus Aufnahmen eines Hotelvorhangs oder der Bettdecke hervorgehen; Außenraum und Innenraum, Wirklichkeit und Traum, Mensch und Umgebung, Vergangenheit und Gegenwart, kontroverse Lebenslandschaften verschmelzen in elektrifizierender Manier zu poetischen Feingeweben, unterfüttert mit philosophischen, sozialkritischen- oder politskeptischen Reflexionen. Im dunstigen, diffusen Farbentimbre kaschiert sind, so die Künstlerin, unvollständige Geschichten, deren roter Faden und Exegese Ihnen, verehrtes Auditorium überlassen bleibt. ![]() Mit dezenten Kontrapunkten und verborgenen Reflexionen unterwandert ist auch das pittoreske Universum von Silke Henkel-Wallace. Daß die in Norddeutschland aufgewachsene, in der Werbebranche beheimatete und in der Fakultät Kommunikation examinierte Ölmalerin ausgiebig vertraut ist mit den Pfründen altmeisterlicher Malerei ist gewißlich nicht zu übersehen. Hochkultivierter Umgang mit dem an keiner Stelle sichtbaren Pinsel, fließende Konturen, ausgeklügelte Licht- Schattenführungen, präzise durchformulierte, ästhetisierte Details und überhaupt eine warmtonige Bildaura mögen als Beweis dafür dienen. Es sind zwischen Stilleben, Nature Morte Vivante, Portrait, Stimmungsbild oszillierende Gemälde, die mit ihrem besonnenen, versonnenen, gelegentlich melancholischem und nachdenklichen Appeal, Appell und ihrem metaphorischen Gepräge langes Verweilen einfordern. Bezwingend erscheint ein souverän durchkomponierte Nocturne, wo ein betörender Nachtflug von Tagesfaltern auf die Leinwand gebannt wird; im Reich des Schönen residiert stets auch das Abgründige, Mysteriöse, eine Schattenwelt, deren gespenstisches Wesen man nicht immer exakt zu identifizieren vermag. Dämmrige, zwielichtige Fonds, geheime und auch magische Lichtspiegelungen arrondieren die sonderbare Gestalt eines, anatomisch leicht aus den Fugen geratenen Hirsch im „Alleingang“; eher dem Bereich der Träume, Fata Morgana, Chimären, Halluzinationen entstiegen zu sein, scheint selbst die, an ein Jägerkabinett erinnernde „Ahnentafel“. Es liegt auf der Hand, daß sich in diesen malerischen Bildsphären die Komplexe: Geburt, Leben und Tod, Werden und Vergehen, Hinfälligkeit des Daseins, Ängste, Fantasien ebenso wie die uralten Motive Natur und Mensch und an erster Stelle der stillebige Evergreen Transformation und Metamorphose eingenistet haben. Und nun eine Zäsur: wir schalten gleichsam zu unseren räumlichen Ursprüngen zurück und begeben uns an das Entree unserer exotischen Galaschau: Hier tut sich das spritzige, schrille und ein wenig schräge Revier von Maler und Experimentator Bertolt Schmidt, 1963 in Stuttgart geboren auf. Ähnlich wie Kollege Glinka führte der Künstler ein bewegtes Vorleben im Bereich Diplomindustrieingenieur. Autodidaktendasein, heißt das nicht kunstbühnenreif zu sein? Werner Glinka bekennt freimütig, daß er eigentlich gar nie auf die Idee gekommen sei, sich das Etikett Künstler ans Revers zu heften. Vielmehr betrachte er sein Wirken als das eines „Kunstschaffenden“. Und jetzt werde ich Ihnen einen kleinen Crashfortbildungskurs aufzwingen, und Ihnen folgende, jüngst in der Kunstzeitschrift „Monopol“, von Stefan Koldehoff publizierte „Schwarzliste“ von Autodidakten zitieren: Beispielsweise: Josef Albers – Volksschullehrer Francis Bacon – Designer, Innendekorateur Max Bill – Silberschmied Marc Chagall – Fotograf Jean Dubuffet – Weinhändler Lyonel Feininger – Violinist Lucio Fontana – Bauingenieur Paul Gaugin – Börsenmakler Wassily Kandinsky – Jurist, Volkswirtschaftler Yves Klein – Buchhändler El Lissitzky – Ingenieur Joan Miro – Buchhalter einer Chemiefabrik Giorgio Morandi – Import-Export-Kaufmann Emil Nolde – Holzschnitzer, Möbelzeichner Pierre-Auguste Renoir: Porzellanmaler Henri Rousseau – Anwaltsgehilfe Maurice de Vlaminck – Radrennfahrer Andy Warhol- Werbegrafiker ![]() Bertolt Schmidts Interesse am mixen von Instrumentarien und Genres und ein wohl geschulter Tiefenblick in menschliche, zwischenmenschliche, soziale Dimensionen kommt in dessen Mischtechniken zum Tragen. Eingelullt in vitale, gar poppige Farbenflairs werden kleine Sticheleien, neoromantische Situationen oder Parameter von alltäglichen, leicht ins Groteske oder Skurrile abgleitenden Erfahrungen. Der Blick fällt etwa auf ein cerebrales Gebirge auf dem ein zunächst rätselaufgebendes Objekt thront. Später entdeckt man einen Hammer auf dem ebengleichen Sujet und beginnt zu ahnen, was hier Sache ist: hier feilt ein gerissener Maler, Grafiker an Pointen, die nicht weit entfernt sind von den Gebieten: Comic oder Cartoon. Ein Nagel, ein Hammer, eine Zange die das Gehirn perforieren, spiegelt das nicht beispielsweise vertraute Erfahrungen beim Gespräch mit dem Chef, beim Dialog mit dem Nachbarn und überhaupt Bereiche, wo sensitiven Organen, empfindsamen Stellen oder Sphären zugesetzt wird mit harten Bandagen, verletzenden Kommentaren? Dann stoßen wir noch auf eine strukturell zerpflückte, ins Surreale hineinlangende Serenade, eine abstrahierte Troubadoursituation, ein im Raum stehender Flirt mit Universalappell gepfeffert mit ironischen Geistesblitzen und technischen Meisterstreichen. Zu diesen zählt etwa ein versierter Mix aus Fotografie, digitaler Bearbeitung und malerischer Finalaktion. Jedoch man kann bei einem offensiven, dynamischen und konstruktivem Powerteam, - das unmittelbar nach der Einreise in den Margarethenhof die Ärmel hoch krempelte und ohne jegliche (sonst grassierende) Rivalitätskämpfe die künstlerische Raumeroberung, sprich Konzeptentwicklung, vornahm, auf weitere Finessen gefaßt sein. Die Gehirne eines Bertolt Schmidt spiegeln in spekulativer Ausdeutung unsere Gehirne, die eben auch unsere Wahrnehmungsapparatur beherbergen. Ich würde zum Abschluß die These wagen, daß dieses Bilderpräludium im lokalen Kontext auf uns gemünzt sein könnte: dieses extravagante, niveaureiche und mit Sprengkraft unterminierte Kunstabenteuer gibt Rätsel auf, die wir knacken sollen, es präsentiert Bilder mit Fußangeln und Fallstricken, die wir lösen müssen, es transportiert schlußendlich Gedanken- und Arbeitswelten auf die Königswinterer Kunstbühne, die eindringen wollen in unser Gehirn, die sich einfräsen wollen in unser Gedächtnis. Und wie ich meine, ist dies der avantgardistischen Delegation der Germanamericanartist (eine Kongregation mit insgesamt 12 Mitgliedern) mehr als perfekt geglückt! Angaben zur Verfasserin: Studium: Germanistik (Schwerpunkt: Sprach- und Literaturwissenschaft), Anglistik und Psychologie,(Freiburg, Bonn) Abschluß M.A., Promotionsstipendium der Friedrich Wilhelm Universität Bonn. Journalistisches Volontariat, Hagen Seit 1990 Journalistin (Hagener „Wochenkurier“, „Lüdenscheider Nachrichten“, „Westfälische Rundschau“, „General Anzeiger Bonn“, „Junge Kunst“, Frechen) Publikationen in den Bereichen: Feature, Gesellschaft, Kultur und neuerlicher Schwerpunkt Kunst; Katalogvorworte, Kunstprospekte.
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